Mein Irlandtagebuch (1): A wie Autofahren.
Mai 19th, 2007 | Abgelegt unter Angstgriff, Autofahren, Featured, Irland, Landstraße, Leben, Nahtod, Straßenverkehr, Tempolimit, Tod, Urlaub | 6 Comments
Endlich weg: Statt All-Inclusive-Urlaub auf Mallorca stand dieses Jahr ein waschechter Road-Trip durch den Westen Irlands auf dem Programm: Im Irland-Tagebuch auf Channelshift.de präsentiert unser Auslandskorrespondent Michael B. in loser Folge seine Erinnerungen zur grünen Insel – von A wie Autofahren bis Z wie Zersiedelung. Schalten Sie ein!
A wie Autofahren
Religion spielt in Irland eine große Rolle. Das versteht man spätestens nach den ersten Kilometern auf einer irischen Landstraße – natürlich vorausgesetzt, man wird vorher nicht von einem rasenden Kipplaster erfasst. Denn mal ganz davon abgesehen, dass man für deutsche Verhältnisse auf der falschen Straßenseite ins Verderben rast, erwartet einen selbiges hinter jeder Kurve. Und Kurven gibt es auf irischen Straßen mehr als genug: Wo eine langweilige deutsche Schnellstraße zwei Punkte auf direkten Weg verbindet, gleicht ihr irisches Pendant einer Achterbahn, die ungeübte Insassen zum Kotzen animiert (siehe dazu demnächst: F wie Frühstück).
Zuerst dachte ich, die irischen Straßenplaner hätten vor der Arbeit zu viel Guinness konsumiert. Nach diversen Nahtoderfahrungen auf dem Ring of Kerry kann ich mit Fug und Recht behaupten: Es gibt gar keine irischen Straßenplaner. Solche Straßen denkt sich niemand aus – sie sind vielmehr mit der Zeit gereift wie ein guter Whiskey. Was einst ein Trampelpfad für irische Sagenhelden und später ein holpriger Feldweg war, wurde eines Tages mit Aspahlt begossen, zur sagenhaft holprigen Straße erklärt und mit einem heldenhaften Tempo-100-Schild ausgestattet. Derart optimistische Tempolimits stellen eine fiktive Obergrenze dar, die sich nur von todesmutigen Rally-Piloten erreichen lässt. Und von Lastwagen. (O-Ton: “Fahr weiter links. Links! Liiiiiiiinnnkkksss!”)
Tempo 100 gilt im Westen Irlands so ziemlich überall: In Spitzkehren, vor Kindergärten und sogar in einem zweispurigen (!) Kreisverkehr zwischen Limerick und Tralee. Dazu kommen tödliche Steinmauern, steile Klippen ohne Leitplanke sowie die sogenannten “Pot Holes”. Das sind Schlaglöcher, in angeblich ganze Kleinwagen verschlucken können. Dass man in Irland nur selten alte Autos sieht, liegt also nicht nur an der florierenden Wirtschaft, sonder hat auch ganz praktische Gründe.
Die Iren gehen das Autofahren eben lockerer an. Tempolimits sucht man selbst auf gefährlichen Strecken vergeblich. Manchmal steht auf der Straße ein freundliches Slow oder sogar ein Slower, in besonderen Härtefällen (das heißt in einer S-Kurve mit schmaler Brücke, tiefen Schlaglöchern und gefährlicher Kreuzung gleichzeitig) trifft man auch auf ein Very Slow – daran halten sich dann sogar die Iren, das heißt sie fahren ausnahmsweise mal weniger als 100. Zumindest ein bisschen.
Überhaupt haben Verkehrsschilder in Irland eher einen ratgebenden Charakter – wie ein guter Freund im Pub weisen sie auf mögliche Gefahren hin, aber ein Tempolimit wollen sie einem nicht aufzwingen. “Wenn ich du wäre, würde ich bremsen – aber du kannst auch schneller fahren, wenn du dich traust”, scheinen sie sagen zu wollen. So appellieren die Iren an die Vernunft der Autofahrer – für uns Deutsche ist das eine wahnwitzige Vorstellung. Aber es funktioniert: Iren drängeln nicht gezielt – sie halten nur generell keinen Abstand. Sie hupen nicht im Stau, weil sie es selten eilig haben. Wenn es eng wird machen sie auch mal freiwillig Platz – selbiges erwarten sie allerdings auch vom Gegenverkehr, sonst knallt es.
Und dennoch: Dass hinter dem nächsten Hügel keine Schafherde die Straße überquert, dass die Lastwagenfahrer im Zweifelsfall auch mal ausweichen, dass es trotz enger Straßen am Ende immer irgendwie passt – das zu glauben, erfordert eine gewisse Form von Gottvertrauen. Kontinentaleuropäische Atheisten wie ich suchen in der Zwischenzeit vergeblich den Angstgriff ihres Mietwagens und schließen die Augen in der Hoffnung, dass es schon irgendwie klappen wird.
Doch die Zeiten ändern sich: Wenn man eine moderne, von der EU geförderte Schnellstraße mit Seitenstreifen, Leitplanke und jeder Menge Platz benutzt, fühlt man sich fast wie in Deutschland. Schade eigentlich – denn vom Pub abgesehen lernt man wohl an kaum einem Ort so viel über die irische Seele wie auf Irlands Straßen.

Mai 20th, 2007at 18:29(#)
Sehr schön geschrieben, Michael! Toll zusammengefasst, hat Spaß gemacht das zu lesen (vor allem wenn man es selbst erlebt hat
)
Mai 20th, 2007at 21:33(#)
Ich muss beim Lesen von Michaels Texten oft laut lachen, irgendwie sind die immer so ironisch, amüsant
Gutes Reisetagebuch, weiter!
Mai 20th, 2007at 21:58(#)
Ich schließe mich den beiden anderen an, sehr unterhaltsam – ich freue mich auf weitere Ausgaben des Reisetagebuchs.
Insbesondere auf den Buchstaben “B” – es sei denn, du ordnest die dort von mir erwarteten Inhalte landestypisch bei “G” ein.
Ich bleibe dran und werds sehen…
Mai 31st, 2007at 21:25(#)
Ich habs unter G wie Guinness einsortiert, Michael.
Juni 6th, 2007at 23:45(#)
Hallo Du kontinentaleuropäischer Atheist, super geschrieben wie immer! Mir kam es vor, als säße ich schweißüberströmt auf dem Rücksitz. Bin gespannt, was noch alles so kommt …
Juli 9th, 2008at 00:56(#)
[...] los gehen, wo es dann auch wieder vier Tage später enden soll. Freuen werde ich mich auf den Linksverkehr und die irischen Straßen. Inspiriert für eine solche Tour wurde ich von dem Channelshift-Autor Michael, der eine ähnliche [...]