Fernbusbahnhof
August 17th, 2007 | Abgelegt unter abstoßend, Berlin, Busbahnhof, eklig, Featured, Hamburg, hässlich, Reise, Reisebus, ZOB | 4 Comments
Ich mag Flughäfen. Keine Sorge, die Überschrift stimmt, ich muss nur von dieser wuseligen Aura des “Unterwegs-Seins” faseln. Ihr wisst schon: Reiselust. Abenteuer. Ein bisschen Stimmung, damit ihr nicht auf die nächste Porno-Anzeige klickt und von Channelshift verschwindet. Also: Denkt an die lebhafte Hektik, die endlosen Fahrten auf lustigen Rollbändern, das Warten auf die Koffer. Fremde Kulturen, fremde Menschen und sowas.
Vergesst das alles.
Der Berliner Busbahnhof ist so ziemlich das hässlichste, was je von Menschenhand errichtet wurde, Center Parks und McDonalds-Filialen eingeschlossen. Der Berliner Busbahnhof ist so hässlich, dass ihn die Stadt unter dem Funkturm versteckt hat, damit ihn niemand je finden wird. Dann hat man ihn “ZOB” getauft. Das Z steht für Zentral und soll die Leute auf die falsche Fährte locken.
Falls doch jemand den Bahnhof aufspürt, wird er in der hässlichsten Unterführung der Welt von cracksüchtigen Junkies umgebracht und – weil der Busbahnhof so gut versteckt ist – nie wieder gefunden. Ich glaube, die cracksüchtigen Junkies arbeiten tagsüber als Busfahrer. Das würde zumindest ihren Fahrstil erklären.
Wenn man den ZOB doch findet, dann fragt man sich fassungslos, mit welchem Adjektiv man so viel geballte Hässlichkeit artikulieren kann. (Ideen bitte in die Kommentare, ich nehms auch nicht persönlich, ehrlich!). Ich weiß, was ihr jetzt sagen würdet: Ein Busbahnhof ist ein verdammter Zweckbau. Falls das stimmen sollte, dann ist der Zweck des Berliner Busbahnhofs, das mit Abstand hässlichste Gebilde der Welt zu sein. Von diesem Standpunkt aus betrachtet wird er seiner Aufgabe sicherlich gerecht.
Seine abgrundtiefe Hässlichkeit wird nur von seinen Benutzern übertroffen: Fette Touristen auf dem Weg zum bayrischen Bierfest oder den Stuttgarter Schnapstagen oder der Wiesbadener Weinwoche, die mit Souvenirs überhäuft über den Bahnhof stolpern und ihre verschwitzten Achselhöhlen zur Schau stellen. Und zwielichtige Penner, die ihre wenigen Habseligkeiten in einer Plastiktüte durch die Gegend schleppen. In Zeiten, in denen man für vierzig Euro mit dem Billigflieger von A nach B kommt, findet man auf Busbahnhöfen nur noch den untersten Kaffeesatz des abgehängten Prekariats. Und Leute, die aus Angst vor dem Bahnstreik auf den Bus umgestiegen sind – so wie ich.
Höchste Zeit für einen Bahn-Exkurs: Als ich klein war, musste ich regelmäßig mit der Bahn durchs Saarland, um die geliebte Verwandschaft zu besuchen. Bei der Rückkehr im abendlichen Bummelzug strandeten mein Bruder und ich in den wahrscheinlich hässlichsten Bahnhöfen des Landes: Verfallene Bergwergsorte mit zweistelligen Arbeitslosenquoten, hässlichen Graffiti und eingeschlagenen Fensterscheiben. Die armen Schlucker haben sogar den Cola-Automaten zerlegt, um an etwas Kleingeld für den nächsten Schuss zu kommen – und vorher noch eine Coke zu trinken.
Wahrscheinlich hat die Bahn die hässlichen Bahnhöfe inzwischen einfach geschlossen – das ist der Standard-Weg, bei der Bahn Probleme zu lösen – aber selbst der abgefuckteste Bahnhof des ganzen Saarlandes konnte nicht einmal annähernd mit dem Berliner ZOB mithalten. So, und das will jetzt wirklich was heißen.
Was tut man also, wenn man am hässlichsten Busbahnhof der Welt beschäftigt ist? Selbstmord ist keine Alternative, also betätigt sich der Typ am Mikrofon als Alleinunterhalter. Das geht dann so: “An Bussteig *krächz* kommt der Bus der Firma *hust* aus Hintertupfingen an, über Hintertupfingen, Bliesransbach und Schwanzstadt nach *krächz*… Sie, sie da, mit dem Fahrrad! Steigen Sie sofort ab, Fahrradfahren ist auf diesem Gelände verboten! Ja, Siiiieee meine ich!”
Ich glaube, man darf mit Fug und Recht von Mikrofonnarzismus sprechen: So bald man Leuten ein Mikrofon in die Hand gibt, entwickeln Sie dieses liebevolle Gefühl der totalen Überheblichkeit. Mit Schusswaffen passiert das übrigens auch, dann blutet aber nicht nur das Trommelfell. Ich war heilfroh, als der Bus nach Hamburg endlich einrollte. Endlich konnte ich den ekligen Plastik-Schalensitz hinter mir lassen und meine ganze Aufmerksamkeit dem Kaugummi unter meiner Schuhsole widmen. Als ich endlich in Hamburg ankam, fühlte ich mich fast wie Zuhause.
Aber eben nur fast.

August 18th, 2007at 01:18(#)
Tja wat soll man da als Exilberliner sagen? Recht haste? Oder soll ich das gute alte ZOB nun verteidigen? Ich weiß es nicht. Fakt ist. Der Kölner Busbahnhof wo tagtäglich die polnischen Gastarbeiter wieder nach Hause finden, ist auch eine Karikatur des hässlichen.
August 18th, 2007at 11:34(#)
Ey aba lass die Unterführung da raus!
Das ist einer der besten Skatespots überhaupt!
Erst recht, wenn mal wieder irgendeine schlechte Erotikmesse ist und die ganzen verkorksten Ehemänner da heimlich mit ihrem Einkauf und Fotomaterial durchhuschen^^
Der ZOB ist doch einfach nur ein Stück Dach – da wär ich ehrlich gesagt nichtmal drauf gekommen, dass das mich das jemals im Leben so beschäftigen könnte das ich mir Gedanken über die Optik machen könnte…
Fürs nächste Mal Berlin-Hamburg empfehle ich bei der Masse an Pendlern die Mitfahrgelegenheit.
Und wenn Du als Saarländer üblen Bahnhöfen in Saarlem-Harlem sprichst, warst du noch nicht viel im Berliner Umland unterwegs – da wird der Zob zum echten Prunkbau!
August 18th, 2007at 22:56(#)
@Ronny: Wahrscheinlich sind die Dinger immer hässlich. Vielleicht eine Verschwörung – die Rache der ZOB-Architekten oder sowas.
@Exilregierung: Warum ich dazu so viele Worte verliere? Weil ich ‘ne Stunde warten musste, um die nichtexistente Atmosphäre wie ein schimmeliger Schwamm aufzuziehen. Und da musste ich ‘ne Runde abkotzen.
August 23rd, 2007at 13:30(#)
Ich finds geil, dass du dir um solche Dinge Gedanken machst und sie so grossartig zu Papier (?!? display, pixeln..?!?) bringst, habe sehr gelacht, vielen Dank.
Zum Kölner ZOB: das ist kein ZO-Bahnhof!! das ist eine Baustelle. Seit Jahren! Ehe da ein Bus ein und wieder ausfährt, hat er vier Verkehrsschilder, drei bis fuenf Baustellen-Baken sowie zwei Lidl-Einkaufswagen gerammt und hat mehrfach seinen Fahrer zum Aussteigen gebracht um den verirrten Nicht-Kölner Touristen, dessen Wagen zwischen ihm und einem Schuttcontainer zu verendet droht, zu beschimpfen.
Zur Mitfahrgelegenheit B-HH: einen ausserst beliebter Treffpunkt kennst du schon;
jedoch kannst du die Unterfuehrung umgehen und direkt zur A-Tankstelle weitergehen.