Mein Irland-Tagebuch: P wie Port Hostel, Letterkenny
November 18th, 2007 | Abgelegt unter Abzocke, Donegal, Featured, Grauenhaft, Independent Hostel, Irland, Letterkenny, Port Hostel, Port Road, Reisen, Review, Urlaub, Whisky | 7 Comments
English Abstract:
Don’t go there. Honestly.
Liebe Kinder, geht ins Bett. Es wird gleich wirklich eklig und unangenehm, und ich kann nichts für die bösen Worte. Ehrlich.
Das fängt schon ganz vorne an, mit Letterkenny. Man muss wohl lange überlegen, um auf einen noch dämlicheren Namen für eine Stadt zu kommen. Natürlich sind die Briten schuld, die sich in ihrer Boshaftigkeit für eine lautmalerische Übersetzung des gälischen Titels entschieden haben. Sie hätten den Ort auch Shitham nennen können, damit sich niemand mehr dorthin verirrt.
Dass Letterkenny ein ranziges Kaff mitten in der Provinz von Donegal ist, haben die Iren allerdings selbst zu verantworten. Mit einem McDonalds, dem Tesco-Supermarkt und einigen Pubs gehört die “Stadt” zum größten, was der Nordwesten zu bieten hat. Deshalb gilt der Ort bei halbwüchsigen Teenagern als Mekka des Komasaufens, weshalb selbige mit Vorliebe am Wochenende zwischen Upper- und Lower Mainstreet auf den Bordstein kotzen.
Ihr werdet jetzt sagen, dass ich mal wieder maßlos übertreibe. Haben deutsche Kleinstädte nicht auch ihre Schandflecken? Das stimmt natürlich.
Aber ich hab hier noch niemandem dabei zusehen müssen, wie er sich auf dem Parkplatz eines namhaften Supermarktes einen Blasen lässt. (Ja, ehrlich, das habe ich auch gedacht!). Da glaubte ich schon, es könne nicht mehr schlimmer kommen. Falsch gedacht: Denn wir hatten ja in einem Augenblick geistiger Umnachtung ein Zimmer im Port Hostel gebucht, dessen willkürlicher Name nichts mit dem Hafen zu tun hat (außer, dass es am Hafen zur Hölle liegt).
Das Port Hostel wurde laut eigenen Angaben regelmäßig von seinen Besuchern zum besten Hostel der Stadt gewählt. Dazu fallen mir nur drei alternierende Erklärungsansätze ein:
a) Bei den Gästen handelt es sich um alkoholisierte Jugendliche, die ihre letzten Gehirnzellen auf der Lower Main Road
rausgewürgt-verloren haben. Sie sind als Gäste laut Homepage explizit erwünscht, und das sollte einem zu denken gebenb) Es gibt keine Gäste
c) Es ist einfach nur gelogen
Für Variante c) spricht, dass man zwischen den vernichtenden Reviews im Internet immer wieder über schlecht gefälschte Lobpreisungen des Port Hostels stolpert, die etwa so lauten: “Absolute Empfehlung! War im Sommer da, nettes Personal, großartige Aussicht, helle und gemütliche Zimmer”. Diese Kritiken sind dermaßen schlecht gefälscht, dass man die Sache mit den Hitler-Tagebüchern fast als Faux-Pas verbuchen möchte.
Tatsächlich besteht das nette Personal aus Miss Glitschig (Name von der Redaktion leicht geändert), die aussieht wie Peggy Bundy auf Crack. Nett ist Miss Glitschig nur, bis sie kassiert hat – und danach macht sie sich gnädigerweise vom Acker. Und die großartige Aussicht auf den matschigen Vorplatz könnte man am besten vom Balkon genießen, wenn dieser nicht wegen Einsturzgefahr geschlossen wäre. (Schlecht, dass darunter unser Auto parkte. Gut, dass wir Vollkasko gebucht hatten.) Dass die Zimmer hell sind, liegt eher am undichten Fenster, und gemütlich sind die feuchten Wände nur für Menschen, die gerne Schimmelpilze züchten. Frühstück, Handtücher oder wenigstens eine geladene Pistole suchten wir leider vergebens.
So fehlte im Reiseführer auch der Hinweis auf die verdreckte Dusche, deren Abfluss verstopft war und in der es – Gott sei Dank – kein Licht gab. Oder auf das Klo ohne Brille. Und auch die zerfledderten Bettdecken blieben unerwähnt, die sich beim Anfassen in ihre fleckigen Einzelteile auflösten. Dummerweise war die Heizung auch kaputt. Und in der Küche, die kein vernünftig denkendes Wesen zum Kochen benutzen würde (sicherheitshalber gab es auch keine Gläser und kein Besteck), hatte das Management den Müll unter der Sitzbank versteckt. Das ganze Gebäude sah so aus, als seien die letzten Besitzer vor 20 Jahren gestorben und hätten nichts, aber auch wirklich gar nichts daran repariert. Und als seien sie danach vom Management unter der Bank versteckt worden.
Manche Leute berichteten, sie hätten lieber im Auto übernachtet als im Port Hostel. Ich kann heute voller Stolz sagen: Ich hätte lieber im Knast übernachtet als im Port Hostel. Ehrlich.
Nun wären wir laut “Flieht, ihr Narren!”-rufend davongerannt, wenn Miss Glitschig nicht schon Andrés Kreditkarte belastet hätte, bevor wir das Zimmer überhaupt zu Gesicht bekamen. Genau wie die gefälschten Rezensionen gehörte auch dieser überaus kreative Beschiss zu ihrer erfolgreichen Geschäftstaktik. Derart dreiste Abzocke dürfte auch für irische Verhältnisse ein absolutes Novum darstellen.
Ja, Miss Glitschig weiß eben genau, was ihre Kunden wollen: Eine billige Absteige, deren desolater Zustand einem nach einer Flasche Whisky gar nicht mehr auffällt. Falls sich doch jemand beschwert, hat er Pech gehabt: Miss Glitschig ist nie da, denn sie wohnt im frisch renovierten Nachbarhaus.
Und das sah tatsächlich ganz okay aus.

November 19th, 2007at 10:40(#)
Tja, da hatten wir es im Mai besser erwischt, oder? Durchweg tolle Zimmer, und ein (für die Jahreszeit) tolles Wetter, was will man mehr?
Grüße aus S,
T.
PS: Dein Rucksack ist da und liegt bei mir, ist bereits bezahlt.
November 19th, 2007at 13:36(#)
Da kommen doch einige Erinnerungen an meinen Aufenthalt in Australien hoch…auf lange Sicht härtet sowas aber ab!!!
November 19th, 2007at 22:54(#)
nicht schlecht.. das klingt wie der anfang für einen netten grusel – psycho – horror – film.
November 21st, 2007at 15:16(#)
Sehr gut geschrieben. Dennoch hörte sich bei deinem Kommilitonen der mit dir durch die irischen Lande gereist ist nicht so dramatisch an.
Der Hang zur Übertreibung macht den Artikel wohl zu dem was er ist: Eine nette, gut lesbare und irgendwie doch humoristische Urlaubsstory.
November 21st, 2007at 21:41(#)
Na dann fragen wir doch mal zwei Leute, die sich damit auskennen, weil sie mit mir im Port Hostel waren, mein lieber Volker.
Mr. A.G., derzeit in Dublin, schreibt:
und Mr. D.W. aus Trier sieht’s ganz ähnlich:
Noch Fragen, Kienzle?
November 22nd, 2007at 00:36(#)
Geschätzer Michael! Ich habe eigentlich mit einem deiner Reiseteilnehmer gesprochen. Zeitlich direkt nach eurem Aufenthalt und vor deinem Posting. Generell wurde nicht viel negatives berichtet. Und daraus habe ich dann geschlossen, dass bei deinem Posting eine gewisse Übertreibung vorhanden sein muss oder einfach auch vorhanden sein sollte um das Ganze attraktiver zu gestalten. Nicht mehr und nicht weniger, Herr Hauser!
Juli 30th, 2008at 11:16(#)
Da sich über Google immer noch Leute auf diese Seite verirren, will ich nochmal wiederholen: Es ist tatsächlich so schlimm, wie ich weiter oben behauptet habe. Geht nicht dort hin. Ehrlich.