Amerika, volle Dosis
November 2nd, 2008 | Abgelegt unter Amerika, Auslandssemester, Featured, Hamline, Untergang des Abendlandes, USA | 2 Comments
Alles, was wir Deutsche über Amerikaner denken, ist wahr. Stimmt aber nicht.
Und überhaupt: “Wir Deutsche”, klingt das nicht irgendwie falsch? Woher plötzlich dieses Nationalgefühl? “Man muss seine Heimat von außen sehen, um sie wirklich zu verstehen”, sagen die Post-Erasmus-Studenten.1 Das klingt furchtbar pathetisch und ist trotzdem wahr. Aber kann man die USA verstehen, wenn man ein halbes Jahr in Minnesota verbringt? Wohl kaum.
Ich verstehe ja nicht einmal Minnesota, und das nicht nur, weil die Leute hier dauernd solche Dinge wie You bet oder Got’cha sagen. Manchmal fühle ich mich, als sei die sprichwörtliche Freundlichkeit der Menschen hier nichts als eine dünne Eisschicht auf einem tiefblauen See – und was darunter liegt, möchte man gar nicht wissen. In Minnesota bringen sich mehr Menschen um, als Menschen umgebracht werden. Selbst wenn man Todesfälle durch Alkohol am Steuer und HIV dazurechnet, kann man nicht mit der Selbstmordrate mithalten. Liegt das wirklich nur am Wetter, über das hier permanent jeder redet? Ich glaube es kaum. Vieles an diesem “Great Country” ist längst nicht mehr so groß, wie es einmal war.
Beweise? Kevin fragt, was der Unterschied zwischen Fixkosten und variablen Kosten ist. Die Professorin beginnt die Stunde damit, den Studenten zu zeigen, wo sie die Türkei auf der Landkarte finden. Nick hat noch nie von der DDR gehört. Die Army marschiert ins Basketballstadion ein und schießt aus einem HUMVEE-Geländewagen, der in den Nationalfarben lackiert wurde, kostenlose T-Shirts ins jubelnde Publikum, nachdem die patriotische Menge zuvor den tapferen Kämpfern im Irak gehuldigt hat. Die Nationalhymne wurde Ihnen präsentiert von Pepsi-Cola, aber sie reimt sich trotzdem nicht. Vor dem Stadion verkündet ein fanatischer Christ den baldigen Weltuntergang, nachdem die Timberwolves 85:95 gegen die Dallas Mavericks und Dirk Nowitzki verloren haben. Muss wohl ein Timberwolves-Fan gewesen sein.
Die Eltern meines Mitbewohners laden uns zur hausgemachten Lasagne ein, bevor wir in ihrem Hinterhof auf Dosen schießen. Jimmy nimmt mich zum Footballspiel seiner alten Highschool mit und futtert unterwegs zehn Hamburger in Folge. Er gewinnt ein Plüschtier und schenkt es der Familie am Nachbartisch. Sarah Palin ist zu Gast auf einer Halloween-Party. Darth Vader auch. Und Bob, der den Flur im Wohnheim wischt, ist Vietnam-Veteran und weiß trotzdem nicht, ob er am Dienstag für John McCain stimmen soll.
Ich bin seit Mitte August zu Gast in einem fremden Land, und wie ein Schwamm sauge ich unzählige dieser Episoden auf und versuche, sie in irgend eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen: Manches ist so, wie man es erwartet hat. Vieles ist völlig anders. Es ist schwer, sich auf dieses Land einen Reim zu machen. Aber kann man das überhaupt? Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis im Auslandsstudium, dass man Menschen eben nicht in bequemen Kategorien absortieren kann. Und was mit Menschen nicht klappt, muss bei Ländern erst recht scheitern. Also nochmal:
Alles, was wir Deutsche über Amerikaner denken, ist falsch. Aber manchmal stimmt es eben doch. Zumindest ein bisschen.
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1 Andere stellen plötzlich ihr Deutschlandtrikot zur Schau.

November 6th, 2008at 00:25(#)
Stimmt es, dass Mr.T neuer Präsident der US of A ist?
November 6th, 2008at 22:01(#)
Ehm…. nee.